«Ich will so reisen, dass meine Spuren möglichst klein und meine Stories möglichst nachhaltig sind.»

Micha Eicher, scharfsinn

Reisen. Unsere #Haltung.

Wir lieben das Reisen und wir lieben die Umwelt. Logisch geraten wir da hin und wieder in einen Clinch. Warum «scharfsinn» dennoch für gewisse Reportagen in den Flieger steigt. Und wie unsere #Haltung dazu ist. Das Interview mit Micha Eicher. Nicht schönfärberisch, versprochen.

Micha, du fliegst für unsere Kunden auf die Malediven. Ferien oder Arbeit?

Es ist biz von beidem: Ferienfeeling beim Arbeiten quasi. Fotografieren, mit Menschen reden und Fragen stellen, das macht mir generell mega Freude. Egal, ob in der Schweiz oder auf den Malediven. Die harte Arbeit kommt danach, beim Schreiben, Inhalte feilen und Fotos entwickeln.

Was genau machst du dort, was nicht von hier aus möglich wäre?

Berechtigte Frage; um kitschige Sonnenuntergänge und türkisfarbiges Wasser zu fotografieren, muss ich nicht wegfliegen, da gibt es genügend tolle Bilder – schon tausendfach gesehen. Für das Magazin von Manta Reisen will ich jedoch neue Dinge entdecken und Geschichten von Menschen erzählen, die man so noch nicht gesehen hat. Ich mag den Blick hinter die Kulissen. Dazu gehört, dass wir auch Unangenehmes thematisieren. Zum Beispiel haben wir für eine letzte Ausgabe einen Kellner zuhause besucht und geschaut, wie er wohnt, wie seine Arbeitsbedingungen sind oder wir haben eine ganze Ausgabe nur über die Abfallproblematik auf den Malediven gemacht. Mutig für einen Reiseanbieter und überhaupt nicht schönfärberisch. Sowas geht nur, wenn man mit eigenen Augen und Ohren vor Ort ist.

Du bist ja sonst meist mit ÖV unterwegs, trinkst Kaffee im Mehrwegbecher und organisierst Clean-up-Aktionen: Wie passt da ein Langstreckenflug dazu?

Der Flug passt natürlich nicht, auch wenn ich den kompensiere, das will ich gar nicht schönreden. Es geht aber auch um das Wie. Wir können nicht verhindern, dass Menschen reisen. Aber wir können beeinflussen, wie wir reisen. Ich versuche, vor Ort etwas zurückzugeben, indem ich in kleinen Hotels bei Einheimischen übernachte, auf dem lokalen Markt einkaufe und auf Tierquäl-Angebote wie Delfinarien oder Elefantenreiten verzichte. Ich kann nicht einfach so zuhause rumsitzen und nichts bewirken. Meine Passion ist das Schreiben und das Fotografieren. Mit unseren Reportagen wollen wir die Dinge aufzeigen ohne missionarisch daherzukommen. Uns hilft es selber auch, zu wissen, was wo abgeht. Erst wenn man Bescheid weiss, kann man selber entscheiden, wie man sich verhalten will. Neben dem Fliegen gibt es durchaus noch andere Verhaltensmuster zu überdenken wie (Fleisch-)Essen, Energieverbrauch, Autofahren oder lokal Einkaufen. Das ist ein ständiger Prozess.

Du sagst, du kompensierst deinen Flug – also ein CO2-Ausgleich mit Geld. Tönt nach Greenwashing…

Genau das dachte ich zuerst auch. So à la: Ich kann es mir leisten und zahle noch einige Stutz gegen das schlechte Gewissen obendrauf. Aber Nachhaltigkeitsexperten haben mir bestätigt, dass jede Unterstützung etwas bringt. Zwei komma neun Tonnen CO2 «produziere ich» mit dem Flug nach Male und zurück. Das macht 87 Franken Kompensation, wofür Kleinbauern in Nicaragua Teile ihres Landes mit einheimischen Bäumen aufforsten und so Kohlendioxid einsparen. Das ist jedenfalls besser, als gar nichts zu tun.

Hast du schon mal aufs Flugzeug verzichtet und stattdessen ein anderes Verkehrsmittel gewählt?

Ja, bei Städtereisen versuchen wir von scharfsinn wenn immer möglich den Zug zu nehmen. Zum Beispiel nach Berlin sind wir schon mit dem Nachtzug gefahren. Es kostet zwar mehr als mit dem Flugzeug, aber es war auch ein Erlebnis: Stressfrei, bequem und erholt kamen wir morgens zmitzt in der City an.

Wirklich klimaverträglich ist einzig der Verzicht auf die Fliegerei. Für dich vorstellbar?

Vorstellbar ist es für mich, die Fliegerei noch mehr einzuschränken. Aber verzichten kann und will ich momentan nicht. Das ist eine bewusste inkonsequente Entscheidung, die ich zwar nicht gut finde, jedoch auf mich nehme, weil es zu meinem Job gehört und weil mir das Reisen an sich einfach zu viel bedeutet.

Verrätst du uns mehr darüber?

Nie geschieht so viel Überraschendes und Herzerwärmendes wie auf Reisen. Natürlich geht das auch auf Sizilien, im Burgund oder in den Walliser Bergen. Es ist das Unterwegs- und Fremdsein, das mich antreibt und mich auf neue Ideen bringt.

Tourismus – Chance oder Untergang?

Es hat beide Aspekte. Man kann als Gast sehr wohl einen Beitrag dazu leisten, indem man Fragen stellt und sich nicht mit dem Billigsten vom Billigen zufrieden zu geben. Denn dafür leidet immer jemand und zahlt so quasi den Preis, den wir nicht bereit sind zu bezahlen. Werden die Mitarbeitenden fair behandelt? Landet das Abwasser im Meer oder wird es aufbereitet? Wie stehts um den Schutz der Korallen? Viele Meeresschutzgebiete sind erst dank dem Einsatz von engagierten Tauchanbietern entstanden. Alles in allem sehe ich den Tourismus als Chance. Mit dem Geld, das ein Land mit dem Tourismus erwirtschaftet, sollten idealerweise Mensch und Natur profitieren.

Du hast deinen Malediven-Einsatz noch um ein paar Tage verlängert. Gehts doch noch an den Strand?

Nicht ganz. Es gibt ein paar spannende Themen für unseren Blog zu recherchieren. In der Hauptstadt Male ist vieles in Bewegung. Ich treffe zum Beispiel eine junge Fotografin, die sich für die Umwelt engagiert. Ausserdem liebe ich maledivische Curries…

Interview: Janine Rebosura
Foto: Micha Eicher

Emissionen kompensieren.