Einfühlsame Einblicke in Wort und Bild. Auf scharfsinn ist Verlass.

Dieter Müller, Leiter Kommunikation Stadt Zug

Einblick für Ahnungslose

Der Blick hinter die Türen der Kindertagesstätten und in die Freizeitbetreuung ist auf den ersten Blick ziemlich harmonisch. Spielen, lernen, ruhen: Hier steht das Wohl des Kindes im Vordergrund. Warum die Eltern dennoch manchmal die Nerven verlieren; eine «Rabenmutter » und ein «Teilzeitpapi» erzählen. 

Mütter waren für mich bis anhin in erster Linie perfekt. Perfekt souverän. Im Berufsleben kenne ich sie als effiziente Planungsgenies. Im Privatleben organisieren sie themenbezogene Kindergeburtstagsschnitzeljagden, während sie nebenbei einen zehnstöckigen Regenbogeneinhornkuchen backen. Den Blick hinter die Kulissen der Stadtzuger Kinderbetreuung stelle ich mir als Schönwetter-Gotti ebenso heiter vor: Fröhliche Eltern bringen fröhliche Kinder. Endlich haben sie Zeit für ihr anderes Leben, während die fröhlichen Betreuerinnen sich liebevoll um den Nachwuchs kümmern.

Zwischen Hektik und Horror

Beim Abpassen der fröhlichen Eltern in einer Zuger Kindertagesstätte (Kita) treffe ich jedoch erst mal auf etwas anderes: Stress und Abschiedsschmerz. Alles geht ziemlich ruckzuck-zackzack. Kind voraus. Elternteil mit Sack, Pack und Kinderwagen hinterher. Finken anziehen. Ein paar Worte mit der Betreuerin. Ein kurzes Winken. Und schon sind sie wieder weg. Jenen, die ich mit meinen Fragen behelligen darf, reicht es beim Kurzwettlauf vom Kitaausgang bis zum Parkplatz grad für eine Mini-Aussage. «Harmonie» sei wichtig bei der Wahl der Kita. «Vertrauen» und «ein familiärer Umgang» – aber jetzt müssen sie leider, denn eigentlich sollten sie ja schon längst bei der Arbeit sein. Ausser Lilian*. Sie hält den hektischen Schritt nur bis um die Ecke durch. Weg von den weinenden Kinderaugen ihrer kleinsten Tochter. Dann fängt sie selber an zu weinen. Meist für sich allein. Heute vor mir, der ahnungslosen Unbeholfenen. Das schlechte Gewissen mache ihr zu schaffen. «Es ist der Horror jedes Mal», sagt sie. Dabei sei es toll, wie gut den Kleinen die Kita tue. «Sie haben beide eine richtige Entwicklung gemacht und lernen so viel.» Aber ihr selbst fällt das Loslassen schwer. Ein Schmerz, der sich auch auf das Kind übertrage, sagt die Leiterin der Kita*, die plötzlich wie ein Engel neben uns steht. Sie nimmt die Frau in den Arm. «Das ist ganz normal», sagt sie. «Es ist der Trennungsschmerz. Der ist einfach da und darf auch sein.» Lilian wirkt dankbar. Aber der Ausbruch ist ihr auch unangenehm. «Ich weiss, dass es meinen Kindern gut geht. Und trotzdem komme ich nicht so einfach darüber hinweg.»

Alte Zöpfe

«Frauen können sehr streng zueinander sein», erzählt mir die Kita-Leiterin später. «Wenn sie sich zum Beispiel gegenseitig fragen: ‹arbeitest du?›. Als ob eine Mutter, die zuhause arbeitet, nicht das Recht hätte, ihr Kind in eine Kita zu bringen. Die Klischees holen die Mütter auch heute noch ein.» Ob via Kolleginnen, über die ältere Generation oder im eigenen Kopf. Die Kita-Leiterin weiss: «Das Umfeld ist manchmal hart und wertet gern. Umso mehr sind mir auch die Eltern ein Anliegen.

Dass sie sich abgeholt fühlen, für sich die passende Form der Kinderbetreuung finden und als Familie zufrieden bleiben.» Karin*, Mutter von drei Kindern, arbeitet ausserhalb der Familie 60 Prozent als Lehrerin und sagt: «Ich würde gerne das Pensum erhöhen. Weil es mir Spass macht, aber auch weil wir müssen. Und weil ich unabhängig sein möchte von meinem Mann, mir ab und zu etwas leisten will», so die 37-Jährige. «Zudem brauche ich zur Abwechslung etwas Anspruchsvolles.» Solche Aussagen kommen nicht überall gut an. «Dann stehe ich schon mal wie eine Rabenmutter da und muss mich erklären. Das geht an meine Nerven.» Auch Stefan*, der mit seiner Freundin Kinderbetreuung und Haushalt gleichermassen teilt, nervt sich über Kommentare aus seinem Umfeld. «Zum Beispiel der Papitag, das ist ein furchtbarer Begriff. Er impliziert, dass ich nur an einem Tag Papi bin. So à la: Wow, jetzt schaust du auch mal. Und das Schlimmste daran: Es loben einen noch alle und finden, du bist jetzt der Held. Auch Mütter.» Die alten Zöpfe scheinen immer wieder nachzuwachsen.

«In dem Moment, wo Kinder da sind, fallen die meisten ins alte Rollenmodell zurück», so Stefan. «Sie heiraten, die Frau nimmt den Namen an und wenns hoch kommt, reduziert der Mann auf 80 Prozent. Das haben wir alle doch mal anders gewollt.» Doch das Schlimmste: «Der Mutterschaftsurlaub unterstützt genau diese Rollenteilung. Er ist eine Katastrophe», findet der 35-Jährige, der sich eine gemeinsame Elternzeit wünscht. «Sonst ist es für uns Männer schwierig, gleichberechtigt Verantwortung zu übernehmen. Für beide ist die Kita ein Ort, an dem sie Unterstützung finden und der ihnen hilft, ihren Alltag zu organisieren. «Ein äusserer Kreis, ein Stück Heimat», nennt es die Kita-Leiterin. In der Kita ist derweil Ruhe eingekehrt. Die einen essen ihr Frühstück, die anderen gehen auf Schatzsuche. Spielen, essen, schlafen: Auf den ersten Blick sieht es nach einem vertrauten Stück Alltag aus. Doch schon nach wenigen Minuten wird mir klar: Hier geht weit mehr ab. Die Betreuerinnen sind überall und beobachten alles. Das eine Mädchen, das sich mit der Schere in ein Zimmer zurückzieht und Papierschnipsel schneidet. «Von zuhause kennt sie offenbar das ‹Achtung, das ist gefährlich›, darum versteckt sie sich. Wir versuchen, die Situation im Blick zu behalten und sie gleichzeitig zu ermuntern, Neues auszuprobieren», so die Leiterin. Das Mädchen mit dem Trennungsschmerz hat sich längst bei der singenden Betreuerin beruhigt und spielt mit einem Ball. Von Zeit zu Zeit steht die junge Frau auf und wechselt singend ihre Position im Raum. Das Mädchen krabbelt unter leichtem Protest hinterher. «Wir wollen, dass sie lernen, sich in der neuen Umgebung auch selber zu bewegen», so die Leiterin. Blickkontakt, Ansprechen der Kinder mit Namen, auf sie eingehen, sie ernst nehmen, einen sicheren Hafen anbieten – auch mir ist es wohl in dieser Atmosphäre. Zwölf Kinder in einem Raum und keine Hektik, kein Geschrei, Unstimmigkeiten werden auf Augenhöhe gelöst. Da möchte man grad selber wieder Kind sein.

Die Organisationstalente

Szenenwechsel. In der schulergänzenden Kinderbetreuung, wo Kinder der Unterstufe vor oder nach der Schule oder dem Kindergarten ihre Freizeit verbringen, treffe ich auf ein beschwingtes Gewusel. 45 Kinder: Die einen spielen mit Puppen, ein Junge ist in ein Comicbuch vertieft, an einem Tisch basteln mehrere Kinder und in einem Bewegungsraum balgen sich ein paar andere. Überall ist eine Betreuerin in der Nähe. Sie greifen nur selten ein – oder wenn ein Kind sie darum bittet. «Kinder haben ein Recht darauf, eigene Erfahrungen zu machen», sagt Rita Horat, die Standortleiterin der Freizeitbetreuung im Herti. «Wir arbeiten partizipativ und fragen viel. Aber natürlich gibt es auch ganz klar Dinge, die wir nicht diskutieren. Toleranz und Respekt sind Grundvoraussetzung für ein positives Sozialverhalten.» Den Kindern gefällt’s: «Ich komme gerne hierher. Wir spielen und essen zusammen. Es hat alles. Besonders andere Spielsachen als zuhause», sagt die achtjährige Rebecca.

Das organisatorische Wunderwerk beginnt nach dem Essen. Betreuerinnen weibeln durch die Räume. «Lea, Jason, Timo, Carole und Max! Schuhe anziehen.» Lea hat Religionsunterricht. Jason geht um 13 Uhr zur Musikschule. Timos Turnstunde startet um 13.15 Uhr. «Hast du den Turnsack?», «Carole, vergiss nicht die Regenjacke, ihr seid heute draussen am Werken». «Max, du denkst ans Zähneputzen?» Seine Mutter holt ihn gleich ab, er muss zum Zahnarzt. Kein Termin ihrer Schützlinge, den die Betreuerinnen nicht im Griff haben. «An gewissen Tagen sind wir im Fünfminutentakt am Organisieren», sagt Sandra Gasperi, Betreuerin in der Riedmatt. Vermerkt sind die Daten und Zeiten jedes Kindes in der Präsenzliste. «Sie ist unsere Bibel des Alltags.» Allein in der Riedmatt sind es

120 Kinder, die regelmässig die Freizeitbetreuung besuchen. Gasperi kennt sie alle beim Namen. «Man lebt mit den Kindern, jeder Tag ist anders. Auch wenns anstrengend ist, es kommt auch mega viel zurück.» Hin und wieder auch von den Eltern. Auch wenn der Kontakt in der Freizeitbetreuung nicht mehr so eng ist wie in den Kitas. «Der Bedarf ist da, es gibt Wartelisten und die Anzahl Plätze ist beschränkt.» Die Stadt Zug organisiert die ausserschulische Freizeitbetreuung und unterstützt Eltern mit finanziellen Schwierigkeiten. Für die Kinderbetreuung im Vorschulalter vergibt sie ab 2019 Betreuungsgutscheine. «Eine gute Sache», findet Karin, die dreifache Mutter. «Auch wir erhalten Unterstützung. Dennoch ist es hart, wenn über die Hälfte meines Einkommens für die Kinderbetreuung draufgeht», so Karin. «Manchmal bin ich schon neidisch auf jene mit Grossmüttern, die gratis schauen.» Was die junge Frau jedoch zum Wahnsinn treibt: «Als Antwort darauf zu hören: ‹Selber schuld, du hast dir das ja ausgesucht.› – Klar habe ich mir das ausgesucht. Und ich bereue es nicht. Aber unterstützend sind solche Kommentare wirklich nicht.» Vielleicht sollten wir als Gesellschaft den Blick hinter die Kulissen im eigenen Umfeld wagen. Mit etwas mehr Verständnis und etwas weniger projiziertem Perfektionismus. Wer braucht schon Regenbogeneinhornkuchen.

* Zum Schutz der Privatsphäre wurden diese Namen von der Redaktion geändert. Die Namen der Kitas werden aus Gründen des Wettbewerbs nicht genannt.

Text und Fotos: Micha Eicher
Bildbearbeitung für den Druck: Simon Eugster