«Hier haben die Menschen Zeit füreinander, ein offenes Ohr und sie schauen zueinander

Jacqueline Messmer, wohnt für eine längere Auszeit im Lassalle-Haus

Ein Haus voller Spirit

Sinnsuchende, Andersdenkende oder Weltverbesserer: Im Lassalle-Haus begegnen sich die Menschen mit Wohlwollen. Es ist ein Ort zum Innehalten. Ein Zentrum des interreligiösen Austausches und der spirituellen Vertiefung. Was Stille mit Nachhaltigkeit zu tun hat und wieso das nichts für Morgenmuffel ist.

Haltestelle Bad-Schönbrunn. In der Luft ein dezenter Duft nach Kuhfladen. Mein inneres Landkind fühlt sich grad aufgehoben. Den Lärm der Stadt Zug hinter uns stiefeln wir gespannt durch die altehrwürdige Parkanlage des Lassalle-Hauses. Strategisch platzierte Bäume und Büsche, duftender Bärlauch, ein riesiger Mammutbaum aus dem vorletzten Jahrhundert – und zmitz drin ein schlichter Betonbau. «Stille bewegt» steht da geschrieben. Ja, still ist es hier, finde ich. Und irgendwie eindrucksvoll. Dass hunderte von Menschen bereits tausende von Stunden an diesem Ort meditiert haben, ist regelrecht spürbar. Das Lassalle-Haus ist Bildungs- und Begegnungszentrum der Schweizer Jesuiten. Religionsunabhängig werden hier im ehemaligen Kurort Zen, Exerzitien, Kontemplation und Yoga gelebt und vermittelt. Die einen kommen für paar Tage, andere bleiben Jahre: Sei es zur Entschleunigung, für eine Besinnungszeit, für den Übergang in eine neue Lebensphase oder als Insel, um aufzutanken.

So auch Jacqueline Messmer (57). Vor wenigen Tagen hat sie ihr grosses Haus mit Garten gegen ein schlicht eingerichtetes Einzelzimmer eingetauscht. Es ist eine Tradition des Lassalle-Hauses Langzeitgäste aufzunehmen. Gegen halbtägige Mitarbeit in Haus und Garten gibts Kost und Logis. Das Lassalle-Haus und das umliegende Gelände sind riesig. «Ich verlaufe mich noch ständig und bin manchmal zur richtigen Zeit, aber am falschen Ort», lacht sie und nimmt uns mit auf einen Rundgang. Aber zum Lachen war ihr nicht immer zumute. Eine schwere Krankheit hat ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt. «Ich verlor Job, Partnerschaft und hatte keine Aufgabe mehr. War einsam und erschöpft.» Im Zen-Buddhismus fand sie neuen Halt. «Ich brauchte einfach eine Veränderung. Jetzt bin ich vogelfrei, es ist alles offen.»

Struktur die befreit

Jacqueline Messmer ist aktiver Teil der Hausgemeinschaft. Dazu gehören das gemeinsame Meditieren und Essen, sowie der Besuch des täglichen Gottesdienstes. Ihr Tagesablauf ist ziemlich straff organisiert und nichts für Morgenmuffel, wie mich. Denn bereits um 6.30 Uhr trifft man sich das erste Mal im Meditationsraum. «Das stresst mich gar nicht. Im Gegenteil: Ich finde es sowas von befreiend.», strahlt Jaqueline Messmer. «Hier haben die Menschen Zeit füreinander, ein offenes Ohr und sie schauen zueinander.» Besonders spürbar ist dies beim gemeinsamen Zmittagessen. Ob Jesuiten, Kursteilnehmende, Lehrende, Mitarbeitende oder Freunde des Hauses: In der Mitte des Tages treffen sich alle zu einer kurzen Meditation und speisen anschliessend zusammen. Im nüchternen Speisesaal geht es aber nicht etwa spartanisch zu und her. Der Tisch ist liebevoll mit Blumen dekoriert und darauf stehen gluschtig gefüllte Schüsselchen. Es wird geschöpft, geplaudert und gelacht. Ob knackiges Gemüse, kunterbunter Salat, feine Sösseli oder eine seltene Portion Fleisch: Alles ist biologisch, saisonal, regional und fair-trade. Und dazu herrliches Quellwasser. Ganz nach meinem Geschmack. Ich lange kräftig zu.

Mit am Tisch sitzt Ursula Popp (66). «Ich esse zweimal pro Woche hier, weil ich die Gemeinschaft geniesse. Mir gefällt das Wohlwollen, das Interesse und die Toleranz hier im Haus.» Seit 30 Jahren geht sie bereits im Lassalle-Haus ein und aus. Sie unterrichtet verschiedene Kurse für Leute, die noch nicht zum alten Eisen gehören wollen und ist als Mieterin hier zu Hause. «Ich habe mich bewusst für eine Gemeinschaft entschieden, die den negativen Entwicklungen auf der Welt etwas Positives entgegenstellt.» sagt sie. Das Lassalle-Haus setzt sich ein für eine friedvollere und gerechtere Welt und glaubt dabei an die Kraft der Stille. Sich selber in der Stille zu finden, weckt die Leidenschaft für menschenwürdiges und nachhaltiges Handeln, so die Theorie. «Das Zeitalter des Individualismus ist vorbei», sagt Popp. «Ich spüre, dass es der Gesellschaft wieder viel mehr um die Gemeinschaft geht.», ist Ursula Popp überzeugt.

Spiritualität als gemeinsame Basis

Die umtriebige, vife Frau möchte auch andere dazu inspirieren, Verantwortung zu übernehmen. «Es kann doch nicht sein, dass wir Alten nur noch als Belastung angesehen werden. Es geht darum, Sinn und Spiritualität nach der bezahlten Arbeitstätigkeit zu finden.» Das gemeinsame Interesse an einem spirituellen Austausch ist also die Basis dieser besonderen Gemeinschaft. Aber was heisst denn Spiritualität? Jacqueline Messmer antwortet: «Wenn man mich fragt, ob ich religiös bin, würde ich sagen, nein. Da ich mich ja für eine Religion entscheiden müsste, und das will ich nicht. Für mich heisst es offen sein, mich auf eine höhere Kraft ausrichten und den Weg gehen.» Während Jaqueline Messmer uns durch das Labyrinth der Gänge zurück zum Ausgang begleitet, frage ich sie, ob sie denn nichts von der Aussenwelt vermisse? «Nein, bis jetzt nicht. Wir haben so viele Spielsachen, womit wir beschäftigt sind. Haus, Auto, Computer, Handy – je mehr man hat, desto mehr muss man sich darum kümmern, desto weniger Zeit bleibt einem.» Ob sie denn kein Handy mitgenommen hat? Jacqueline Messmer lacht: «Mitgenommen hab ich es, aber ich stelle es konsequent ab und schaue nur ab und zu, ob jemand geschrieben hat. Ich merke im Alltag, dass die Leute keine Zeit mehr haben. Es ist schön, nichts mehr zu müssen. Weniger ist mehr.» Sagts und verschwindet im grossen Garten. Wollte ich mein Handy soeben grad rausholen, lasse ich es nun bleiben – die turbulente Social-Media-Welt kann ruhig noch biz auf mich warten. Ich geniesse noch ein paar Atemzüge Stille und Kuhfladenduft.

www.lassalle-haus.org

Text: Janine Rebosura
Fotos: Micha Eicher