«Die Seeliken ist mein Baby. Da kann ich nur schlecht loslassen, meine Fühler sind immer ausgesteckt

Badmeisterin Tina Simeon von der Badi Seeliken, Zug

Die Lebensretterin

Sie hat gerne Menschen. Und Wasser. Tina Simeon ist das Gesicht der Badi Seeliken. Rasenmähen mag sie genauso wie Rambazamba. Nur wenns um Kinder geht, kann sie schon mal giftig werden.

Jeder Tag ist eine Wundertüte. Die Energie der Leute ist immer anders, je nach Wetter. Ich weiss nie, was mich erwartet. Einmal sind sie kollektiv aufgedreht, dann gemässigt oder gar schlapp. Mir gefällt das: keine Monotonie, immer eine Herausforderung. Das hält mich lebendig. An meinem Job liebe ich alles. Das draussen sein am und im Wasser, Rasen mähen, Wischen, sogar das Putzen. Es erdet mich. Die Ruhe schätze ich genauso wie das Rambazamba. Von beidem gibts in der Seeliken genug. Wir sind Putzpersonal, Polizist, erste-Hilf-Krankenschwestern, Psychologen und Gärtner in einem. Und natürlich Lebensretter.

Wenns brenzlig wird

Bis jetzt hat es in der Seeliken – zum Glück – noch nie einen richtigen Ernstfall gegeben. Damit das so bleibt, tun wir alles und es braucht einen super Teamgeist, ein Zusammenspiel, wo alle alles geben. Sonst geht gar nichts. Wir arbeiten sehr präventiv. Brenzlige Situationen versuchen wir abzuwenden, bevor sie entstehen. Das klappt relativ gut. Wir sind ja eine kleine Badi, da haben wir guten Blickkontakt und wenn wir jemandem ein Zeichen machen zum Reinkommen, merken das die meisten. Ausrücken müssen wir, wenn das jemand ignoriert. Wenn Eltern ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen oder schlecht schwimmende Kinder mit aufblasbaren Sachen rausgehen. Das wiegt sie in falscher Sicherheit und ist gefährlich. Solche Situationen gibts mehrmals täglich. Manchmal nervt es mich, wenn Eltern das Gefühl haben, die Bademeister sind ein Hütedienst im Wasser. Gerade bei Kindern bin ich wie auf Nadeln. Da kann ich schon mal giftig werden, wenn zum Beispiel ein Elternteil mit seinem Kleinkind auf den Schultern ohne Flügeli in den See hinausschwimmt. Oder wenn Zehnjährige bis nachts um halb zehn Pingpong spielen und danach noch ins Wasser hüpfen wollen. Da frag ich mich, wie die am nächsten Tag in die Schule gehen. Und warum das die Eltern nicht kümmert.

Für nichts zu schade

Extrameilen gehören bei uns zum Alltag. Wir sind durch und durch ein Dienstleistungsbetrieb. Die Stadtzuger Badis sind bekannt für ihre gute Betreuung. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, das sie alle gratis sind. Sowohl für uns als auch für die Gäste. Ich bin jedem Gast und Steuerzahler sowas von dankbar für dieses Privileg. Es macht mich stolz, wenn Schulklassen aus der ganzen Schweiz nach Zug in die Badi kommen. Sind viele Schüler angemeldet, organisiere ich zusätzliche Bademeister, damit wir genügend Aufsicht vor Ort haben. Vom Verarzten mit Pflästerli bis zur Litteringkontrolle und dem Suchtauchgang nach einem versenkten Handy: Man darf sich für nichts zu schade sein. In der Hochsaison ist mein Alltag nach achteinhalb Stunden noch lange nicht fertig. Gerade an schönen Sommerabenden und Konzerten gibts nicht selten einen Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag. Die Seeliken ist mein Baby. Da kann ich nur schlecht loslassen, meine Fühler sind immer ausgesteckt. Lieber bleibe ich, bis die letzten gegangen sind. Denn wenn ich etwas überhaupt nicht mag, sind es unschöne Überraschungen am nächsten Morgen.

Text und Fotos: Micha Eicher fürs Stadtmagazin der Stadt Zug