«Es gibt schon jene, denen es scheissegal ist. Die gibts allerdings in jedem Alter und in jeder sozialen Schicht. Das ist nicht einfach eine Generation, das ist ein Typ Mensch und der gibt es dann eben an seine Kinder weiter.»

Michelle, Passantin auf dem Europaplatz in Luzern

Clean up every day

Raus aus den Schuhen und ab in den See: Aber nicht etwa zum vergnügten Rumplanschen, sondern zum Grüselabfallfischen. Wir finden, es geht gar nicht, einfach achtlos Dinge wegzuschmeissen. Statt die Faust im Sack zu machen, packen wir lieber selber mit an…

Irgendwie haben wir uns das anders vorgestellt. Kalt und windig ist es an dem Samstag morgen in Luzern. Davon lassen wir uns aber nicht entmutigen, rollen die Ärmel und Hosenbeine hoch und steigen wagemutig ins Wasser. Zwischen Touristen, Schiffsausflüglern und KKL-Besuchern sind wir der Hingucker und zieren unfreiwillig das eine oder andere Fotosouvenir. Dabei ist es richtig eklig, was wir da machen: Wir fischen nämlich eimerweise Grüselabfall aus dem See, sammeln weggeworfene Trinkhalme ein und grübeln Zigarettenstummel aus den Ritzen der Holzbrücke. Aber wir sind nicht allein: Überall in der Schweiz und auch im Ausland wird an diesem Tag etwas gegen herumliegenden Abfall gemacht. Überall? Nein! Denn ein kleines, von unbeugsamen Galliern… äh, fast. Luzern ist jedenfalls im Städtevergleich absolutes Schlusslicht und vom Clean-Up-Day hat hier kaum einer gehört – geschweige denn, jemand hier will mitmachen. Das finden wir biz peinlich und wollens drum genau wissen: Wieso schmeissen wir unseren Güsel einfach weg? Wer macht überhaupt sowas? Sind wir zu faul? Was könnte man dagegen tun? Wo müssen wir ansetzen?

Ausgerüstet mit Kübeln, Güselsäcken, Besen und Putzhandschuhen wird unser altehrwürdiger Leiterwagen kurzerhand zum Putzwagen umfunktioniert. Und los gehts! «Es ist lobenswert, dass Sie da aufräumen! Aber das ist ja auch eine Sisyphusarbeit», meint Cyrill Wettstein, der auf sein Schiff wartet. «Am Samstagabend sieht es nach fünf Minuten wieder aus, wie jetzt. Das wird man denen nicht mehr beibringen können.» Und seine Frau Sarah ergänzt: «Ich habe sehr Mühe nachzuvollziehen, warum die Leute das machen. Dort hat es doch einen Kübel. Ist doch überhaupt kein Problem!» Wir haben nachgezählt: In Sichtweite stehen mindestens zehn Abfalleimer – und trotzdem liegt überall Abfall. «Also ich schmeisse nichts weg», so Cyrill. «Für mich ist es schon die Kinderstube, definitiv. Irgendjemand toleriert ja dieses Verhalten. Aber wenn das alle ächten würden, hätten wir nicht so ein Abfallproblem. Es ist ja nicht nur für uns. Es kommen noch x-Generationen nach uns.»

Grüsel-Güsel

Lauter unverrottbares Zeugs fischen wir aus dem See: Zigarettenstummel, Plastikröhrli, -besteck, Flaschen und Kabelbinder. Sogar Batterien sind dabei! Unsere prominent ausgestellte Grüsel-Güsel-Galerie fällt auf und gibt Anlass zu Gesprächen. «Wir haben da drüben schon geschaut und gedacht, was sammeln diese Leute da? Fischen die da Muscheln raus?», fragt eine Passantin aus Deutschland lachend. «Ich finde fantastisch, was sie da machen!» Immer wieder bleibt jemand neugierig stehen, runzelt die Stirn oder hebt den Daumen. Die vielen guten Feedbacks motivieren uns total und es güselt sich grad biz leichter. Ein Mann schüttelt den Kopf: «Ich verstehe das überhaupt nicht. Wenn alle wären wie wir, dann hättet ihr nichts aufzuräumen.» Er hat unser Treiben eine Weile beobachtet und meint: «Das haben wir als Kind schon gelernt: Das Bonbonpapier zämechrüglen, in den Hosensack und beim nächsten Abfallchübel reinschmeissen. Aber jetzt ist da halt eine andere Generation.» Der Mann heisst Herbert und ist mit Frau Yvonne und Tochter Michelle unterwegs. Die beiden gesellen sich dazu und im Nu entsteht eine lebhafte Abfalldiskussion. Yvonne zeigt auf ihre Tochter und ergänzt: «Sie ist auch noch jung und wir haben ihr das so beigebracht.» Aber Michelle will nicht einfach die Schuld auf ihre Generation abschieben. Sie studiert an einer Kunsthochschule und findet, dass in ihrem Umfeld schon ein Trend zu mehr Umweltbewusstsein spürbar ist. «Aber es gibt schon immer die, denen es scheissegal ist. Die gibts allerdings in jedem Alter und in jeder sozialen Schicht. Das ist nicht einfach eine Generation, das ist ein Typ Mensch und der gibt es dann eben an seine Kinder weiter.» Allerdings haben die Verpackungen auch enorm zugenommen. Heute ist es eben nicht mehr das Bonbonpapier, sondern das ganze Einweggedeck. Man kann sich überall draussen verpflegen und entsprechend wächst der Abfallberg – besonders über den Mittag. Eigentlich ja verrückt, dass man viele dieser Verpackungen nur für ein paar Minuten benützt, wenn man bedenkt, wie aufwändig Herstellung, Transport und Entsorgung sind. Michelle weiss: «Es gibt Alternativen, wie Depotgeschirr zum Mieten, das man dann am nächsten Tag zurückbringen kann. Bei der Verpackung müsste man schon ansetzen.» Darum verzichten wir wann immer möglich auf Einwegverpackungen, benutzen langlebige Trinkflaschen und Kaffeebecher und wickeln das Sandwich in ein Wachspapier. Eigentlich eh viel stilvoller, als dieses Einwegzeugs.

Es muss richtig wehtun

Vieles von dem, was wir da aus dem See fischen gehört jedoch ins Recycling. Doch solche Behälter sind keine aufgestellt – ausser für PET. Herbert zeigt auf eine Aludose: «Das ist tiptopes Alu. Aus dem könnte man noch einiges machen. Da gehört ein Franken Depot drauf. Unbedingt. Der Mensch kann man nur übers Portemonnaie erziehen. Es muss richtig wehtun, dann lernt man öpis.» Ist das so? Brauchen wir Bussen und drakonische Strafen, um unseren Abfall richtig zu entsorgen? Dabei wäre es so einfach. In der Schweiz können wir auf ein gut funktionierendes Abfallentsorgungssystem zurückgreifen. Das ist in vielen anderen Ländern aber nicht gegeben. Es leiden sowohl die Natur, die Tiere und letztlich auch wir Menschen. Wenn der Mikroplastik zum Schluss auf unserem eigenen Teller landet, ist es reichlich spät, um die Suppe noch auszulöffeln. Gerade unterwegs auf Reisen ist deshalb das Güselwiedermitnehmen Ehrensache, finden wir. Denn wer Sauberkeit erwartet, sollte sie auch vorleben. Egal ob in fernen Ländern, im heimischen Quartier oder im Geschäftsalltag: Ein wertschätzender Umgang mit Natur und Umwelt sind uns wichtig. Darum räumen wir auf – nicht nur am Clean-Up-Day. Für mehr Lebensqualität und Achtsamkeit.

Übrigens: Nächstes Jahr ist der Clean-Up-Day am 12. und 13. September 2019. Zum Vormerken und eine eigene Aktion planen. Damit wir dann nicht mehr die einzigen sind in Luzern…

Text & Fotos: Janine Rebosura
Helferteam: Nadja, Andreas, Markus, Janine und Micha
Handschuhe: #cleanuptravel – merciii 😉